Trauerrede von Claudia Schreiber, Tochter,
anlässlich der Abdankungsfeier vom 27.10.2014

 

 

Es ist bereits 10 Tage her, seit ich mein Vater begleitet habe, als er friedlich seine letzte grosse Reise antrat. Unterdessen wird er sicher eine Antwort auf die Frage erhalten haben, die er sich in seinem erfüllten Leben immer wieder gestellt hat: "Ist der Tod das Ende?"

 

Diesem Thema widmete er das erste und letzte Kapitel in seinen Memoiren. Denn bereits im Alter von 13 Jahren hatte er zwei ganz prägende Erlebnisse. Zuerst musste er im Dezember den Tod seiner geliebten Grossmutter miterleben und im folgenden Februar erhielt sein jüngerer Bruder, Peter, die Diagnose Krebs. Nachdem ein Wunder ausblieb, verstarb dieser im August ebenfalls im Beisein von Willy.

 

Als vor Willys grosser Stenose-Operation sein Tabakskollege Paul Trefzer in den Stunden vor dessen Versterben noch ins Zimmer von Papi gelegt wurde, gab ihm das auch noch lange zu denken. So schrieb Willy anno 2001 als letzten Absatz in seinen – ich zitiere:

 

„Die Frage, ob der Tod das Ende sei, hat mich seit dem plötzlichen Ableben meiner Grossmutter anno 1938 immer wieder beschäftigt. Es war nach meiner letzten Operation an der Zeit, mein eigenes Leben Revue passieren zu lassen, die beruflichen Erfolge und Probleme, die familiären Höhepunkte und Spannungen zu verarbeiten. Plötzlich wurde mir bewusst, dass persönliche Konflikte und berufliche Schwierigkeiten mich immer wieder dazu getrieben hatten, aktiv zu werden und zu versuchen, eine kritische Situation ins Positive zu wenden. Woher hatte ich diese Stärke? Immer wieder ist die Überzeugung, dass der Tod unser Sein in der Form abschliesst und ich deshalb das Beste mit der mir geschenkten Zeit tun sollte, eine treibende Kraft gewesen. Eine andere Quelle ist meine Lebensenergie, die in den entscheidenden Augenblicken ungerufen aus mir kam und mich zu positivem Handeln befähigt hatte.“

 

Diese positive Lebensenergie wurde nicht einmal durch den schmerzlichen Verlust seiner geliebten Pia ganz zerstört. Natürlich hat ihn das geprägt und sein Leben auf den Kopf gestellt. Trotzdem fand er seinen Humor langsam wieder und war, sofern es der Gesundheitszustand zuliess, auch als Rentner immer eine beigeisterungsfähige, aktive und positiv eingestellte Persönlichkeit.

So schrieb er am PC noch Emails, verfasste die Traktanden für die Diskussion in dem von ihm noch gegründeten Männerclub im Tertianum oder eigene Kurzgeschichten.

 

Was haben wir gemeinsam Stunden am Telefon verbracht, wenn die Schrift nicht ganz so gross war, der Text so ausge¬druckt werden konnte, wie er sich das vorstellte, die Emails nicht rauswollten oder der PC schlicht und einfach nicht so wollte, wie Willy!

Er war lange Zeit noch sehr interessiert an den aktuellen Tagesthemen aus der Zeitung. Leider hatte er mit der Zeit echt Mühe, das Kleingedruckte in den Zeitungen zu lesen wie auch beim Kreuz¬worträtseln. Meistens gelang es ihm, diese zu lösen oder zumindest das gesuchte Lösungswort herauszufinden auch dank seiner kleinen Bibliothek an Kreuzworträtsellexika, die wir je länger je mehr zu Rate ziehen mussten. Damit Sie sich das Szenario vorstellen können, hier ein Beispiel: Er fragte mich: Gesucht wird ein schweizerischer Autor mit 4 Buchstaben, der mit einem S anfängt. Nach langem Hirnen und Nachschlagen in all diesen Lexika fanden wir einfach keinen passenden Schriftsteller. Erst nachdem ich die Frage selber nochmals gelesen hatte, stand da nur was ähnliches, nämlich: schwedisches Auto. Da kamen wir sogar selber auf die Lösung, den Saab. In dieser Art hatten wir immer wieder die wildesten Verwechslungen worüber wir teilweise Tränen gelacht haben.

 

Dieses Kreuzworträtseldenken blieb ihm bis am Schluss im Gedächtnis, als ich mit Nathalie einmal dieses Jahr bei ihm war und wir ihn fragten, wer sie wohl sei, halfen wir ihm mit dem Tipp, der Name fange mit NA an. Nach längerem Überlegen und Durchsuchen seines inneren Registers mit Anfangsbuch¬staben NA meinte er, sie müsse wohl Nastuch heissen.

 

Bis in diesen Frühling war die wichtigste Beschäftigung, das Malen. Obwohl Willy nie mit viel Geduld gesegnet war konnte er sich dort völlig fokussiert – farblich auf den kleinsten Quadra¬ten austoben. „Er müsse ja was tun“ – meinte er immer dazu, ganz seiner positiven Art entsprechend.

 

Da Willy schon länger im Rollstuhl unterwegs war, mussten wir ihn immer wieder aus dem Bett hieven. Je nach dem ging das mit seiner Hilfe besser oder wenn die Beine nicht ganz so wollten, halt auch gar nicht alleine. Was haben wir gelacht, als wir beide einige Male gezogen vom Gewicht von Willy  – zum Glück immer nur zurück auf Bett plumsten. All diejenigen, die Willy betreuten oder auch pflegten schätzen seine aktive Hilfsbereitschaft, sofern es ihm irgendwie möglich war sowie seine ehrliche Dankbarkeit für die erhaltene Hilfe oder auch Besuche.

 

Willy war ein herzensguter Mensch mit eigentlich sehr wenigen Lastern. Früher war es das Rauchen der Pfeiffe. Am liebsten trank er sein Panaché.

 

Aber sein Laster schlechthin war die Schokolade. Ich erinnere mich da gerne an die kleinen 4er Packungen von Rochet-Kugeln, die ich immer wieder in der Advents- oder Osterzeit mitbrachte. Nachdem wir je eine Kugel gegessen hatten, waren die anderen beiden Kugeln schneller in Papis Mund verschwun¬den wie ich gucken konnte. Da liess er mir keine Chance auf ein zweites Schoggeli. Als ich ihn dann fragte, wo mein zweites ist, meinte er meistens mit einem Augenzwinkern: „ohhh, ich meinte, Du willst keines mehr. Das tut mir jetzt aber leid“.

 

Bis zu seinem Schlaganfall am Samstag, dem 11. Oktober 2014 assen wir bei jedem Besuch noch seine Lieblinge, die kleinen Lind-Schoggi-Quarrés, bei denen gelang es ihm einfach nicht, nein zu sagen.

 

Einer seiner wichtigsten Lebensinhalte war die klassische Musik.  Am iebsten hörte er sich -  dösend im Bett - CD’s oder den Sender Swiss Classic an. Ich hatte das Gefühl, dass er dieses Privileg im Alter am meisten genoss, sich endlich hinzulegen oder einfach liegenzubleiben, wenn ihm danach war und auch schlafen zu dürfen, wenn er müde wurde.

 

Im Vergleich zu anderen Pflegheimbewohnern genoss Willy den Luxus vieler Besucher und privater Betreuung. Als einmal eine Mitbewohnerin bemerkte: „Willy, du hast aber viele Frauen, die sich um dich kümmern“, meinte er ganz lapidar: „dafür habe ich auch das ganze Leben geackert, dass ich mir das leisten kann“.

 

Unbezahlbar hingegen war für uns die verdankenswerte, absolut liebevollste Betreuung, die man sich wünschen kann durch Maya Güntensperger. Ich weiss, dass Papi Ihre Gesellschaft und auch diejenigen von ihren Hunden immer sehr geschätzt und genossen hat.

 

Bis letzten Herbst konnten wir auch noch gemeinsam einmal im Monat mit seinen Tabakskollegen und deren Frauen zum Mittagessen gehen. Am Anfang wollte er immer schnell wieder zurück ins Bett, mit der Zeit ass er aber immer lang¬samer und genoss meist sein Tartar mit Pommesfrites, wenn wir anderen bereits am Dessert waren. Diese Treffen endeten für Willy abrupt ziemlich genau vor einem Jahr nach einem nur haarscharf und mit viel Glück überlebten Erstickungsanfall. Letzte Woche war ein Treffen zum letzten Mal im Uno im Joggeli angesagt und ich dachte, wenn Papi so gut drauf ist wie die Tage zuvor, nehm ich ihn noch einmal dorthin mit. Leider hat dies nicht mehr geklappt.

 

Für seine Kollegen und Bekannten war die Altersdemenz von Willy sicher nicht einfach mitanzusehen, wir von der Familie, die ihn regelmässig sahen, konnten dies aber besser akzeptieren.

 

Wir erfreuten uns an der positiven Wandlungen hin zu mehr Geduld und einer allgemeinen inneren Zufriedenheit.

Willy wollte leben und das ist ihm – und da bin ich überzeugt – auch dank Mami als persönlicher Schutzengel lange gelungen. Wir hatten das Schutzängeli bildlich immer vor Augen, denn Maya hat ihm letztes Jahr ein ganz siediges übers Bett gehängt. Dr Andi hat ihm dann noch vorübergehend die Flügel vergrössert.

 

Aber nun war es wohl an der Zeit, dass die Kräfte nicht mehr gereicht haben und Willy gehen durfte.

 

Mein Vater konnte sein reich erfülltes Leben auch seinem Alter und Gesundheitszustand entsprechend geniessen.

Wenn man ihn gefragt hat, wie es ihm geht, bekamen wir des öftern eine Antwort wie „ca va“ oder „tres bien“. Meistens wurden wir auf Französisch begrüsst und auf Englisch verabschiedet.

 

Während seinen Spitalaufenthalten in den letzten Jahren wurde ich vermehrt vom Personal dort angefragt, wie verwirrt mein Vater sei, weil er mehr in Fremdsprachen antwortete statt in Deutsch. Daraufhin konnte ich diese immer beruhigen, denn dies machte er nur, wenn es ihm besser bis recht gut ging.

 

Sein liebster Spruch, wenn er einfach seine Ruhe wollte oder – nicht nur – mich verabschiedete, war ein einfaches good night!

Ganz in dieser Art möchte ich mich hier und heute von Dir auf Erden verabschieden, sag em Mami einen Gruess und Byby Papi und „good night“!