Ein kleiner Brief im Andenken an meinen Vater Willy Jäggi-Candrian (1925-2014) von Andreas Jäggi

 

 

Lieber PapiWilly,

 

niemand weiss, ob sich der Kreis Deines Lebens einfach still geschlossen hat und es zu Ende ist oder ob Deine Reise verwandelt in anderen Sphären weitergeht. Die allgemeingültige Antwort auf diese Frage ist mir nicht besonders wichtig & beschäftigt mich wenig, ich möchte mich einfach bei Dir bedanken für alles, was Du in Deiner einerseits unbekümmert rücksichtslos selbstbezogenen, gleichzeitig schier überschwenglich grosszügigen GründerGenerationenArt für mich getan hast. Dass Väter ihre Söhne prägen ist eine mega banale Beobachtung, hier trotzdem so quasi ein paar Highlights dieser lebensbestimmenden Momente.

 

Vorab noch dies: leider hab ich wegen Deiner langanhaltend fortschreitenden Krankheiten den Moment verpasst, diese Dankbarkeit in einem gemeinsamen Gespräch auszudrücken, so wie ich es mit Mami Pia habe tun können, als sie im Laufe ihrer kurzen Krankheit realisierte, dass der Abschluss nahte. Daher diese schriftliche Form. Auch hoffe ich, dass meine Geschwister Claudia & Ueli und auch Maya das Unbeeinflussbare mit einem Hauch von Leichigkeit nehmen können, denn ich weiss, dass für sie die vielen Jahre des Begleitens eine schwere Belastung gewesen sind, die an die Grenze des Tragbaren gegangen ist.

 

Ich bin sehr froh, dass Du in Ruhe hast einschlafen dürfen und dass Deine geliebte Tochter, mein Schwesterherzchen Claudia, Dich dabei hat begleiten können.

 

Hier erst eine kleine Anekdote über Deine Selbstbezogenheit, lieber PapiWilly, die aber die Doppelseitigkeit dieses Charakterzugs aufzeigt: als wir in das neu gebaute Haus an der Schloss-Strasse in Aesch BL (damals noch ohne Postleitzahl) einzogen, hast Du bei einem befreundeten Künstler, Piet van de Cuylen, eine ganze Serie von grossformatigen abstrakten Eitemperabildern in Auftrag gegeben (und bezahlt, klar), OHNE weder Deine Frau Gemahlin und noch weniger Deine lieben Kinderlein zu befragen. Dadurch bin ich mit abstrakter originaler Kunst aufgewachsen, aber wenigstens mit'm Mami hättest Du das schon besprechen dürfen. Unser ganzes Familienhaus unbesprochen mit Bildern auszustatten, nein, also wirklich!

 

Ein kleiner Gedanke an etwas lang Vergangenes, worüber Du nie wirklich gross gesprochen hast, das Dich aber tief getroffen hat: als Teenager (obwohl man dem damals nicht so gesagt hat) hast Du Deinen Bruder Peter durch eine schreckliche Krankheit verloren.

 

Natürlich haben Dich alle Basler als Verleger & Buchhändler gekannt, als kämpferische, innovative und aktiv unternehmerische Berufspersönlichkeit. Ich habe nicht vergessen, wie Du zum Beispiel nach dem Auftauchen einer neuen grossen Unbekannten, dem Buchclub Ex Libris, nicht einfach die Hände in die Luft geworfen hast von wegen Konkurrenz und so, und: "Jesses nei, jetzt au das no!", oh nein, clever wie immer bist Du einfach Mitglied dieses Buchclubs geworden und hast somit ganz still und leise von innen beobachten können, was da abläuft.

 

Ebenso nicht unbemerkt geblieben ist die Schaffung des zu jener Zeit ersten Ladengeschäfts in der Schweiz ausschliesslich für Taschenbücher, dem Piccolibro. Die Unkenrufe Deiner damaligen Fachkollegen haben sich nicht bewahrheitet und dieser präzise definierte Geschäftszweig ist ein rasender Erfolg geworden. Geschmunzelt in der Familie haben wir immer über die Tatsache, dass der Eingang zu dieser Filiale ganz separat war vom Eingang zur Buchhandluch "vormals Helbing & Lichtenhahn", wo man "richtige" Bücher kaufen konnte.

 

Und so zwischendurch warst Du dann auch für jeden Blödsinn zu haben: wie zum Beispiel den Ritt die Freie Strasse hinunter, auf dem Rücken eines Elefanten vom Schweizerischen Nationalzirkus Knie, dies natürlich wie immer im Zusammenhang mit einer Buchvernissage.

 

Die von Dir angerissenen grossen Events im ritter-mittelalterlich angehauchten Saal der Saffran Zunft waren gesellschaftliche, geschäftliche, familiäre Höhepunkte. Du bist zu einer "Stadtfigur" geworden, durch die Freundschaft mit Gretel und Dieter Leonhardt-Feldpausch, Prof. nan. Fritz Friedmann, äm Herr Profässer Martin Burckhardt und Eurem Freundeskreis vom Tabakskollegium, dem ehemaligen Zollidirektor Dr. Ernst Lang (mit dem Du auch ein GorillaBuch in Deinem Verlag "Basilius Presse" herausgegeben hast), den Galeristen Ernst Beyeler, Trudl Bruckner und Balz Hilt (auch durch Eure Zusammenarbeit im Gründungskommittee der Art Basel ... es ist Dir als nicht-Galeristen sogar gelungen, die Compagnie Alain Germain aus Paris für ein Happening im runden Innenhof einfliegen zu lassen), undsoweiter undsofort. Deine ansteckende Begeisterungsfähigkeit und Leutseligkeit im allerbesten Sinne haben mir langanhaltende Impulse gegeben.

 

Speziell dankbar bin ich Dir PapiWilly für zwei ganz besondere Dinge: Du - und auch s'Mami Pia - Ihr habt meine persönliche private und berufliche Lebensform - und somit auch meinen "eingetragenen Lebenspartner" Ron - mit einem schiefen Schmunzeln von siebeneinhalb Sekunden und ein paar frechen Sprüchen problemlos, herzlich und selbstver-ständlich angenommen und mitgelebt.

 

Zweitens hast Du mich zu Kultur hingeführt. Einerseits zur bildeneden Kunst: unvergessen sind die zahllosen "Privatführungen" des kleinen Binggis Andi durch die Gemäldesammlung des Basler Kunstmuseums. Andererseits zur Musik: durch Deine Tätigkeit als Herausgeber der Schweizerischen Theaterzeitung hast Du sämtliche Neueinspielungen der Deutschen Grammophongesellschaft zur Rezension erhalten. Somit bin ich (sehr zum Ärger meiner Geschwister, die zum Sonntagmorgenfrühstück neben Zopf, Angge und Rossbiff jeweils auch klassische Musik runterwürgen mussten) mit Herbert von Karayan, Clara Haskil, Dietrich Fischer-Diskau, Elisabeth Schwarzkopf, Erika Köth, Victoria De Los Angeles, Fritz Wunderlich und natürlich meiner eigenen späteren Gesangslehrerin Maria Stader aufgewachsen. Ohne Dich würde ich das erfüllende Glück nicht kennen, welches das Anhören der Siebten Symphonie von Anton Bruckner mir schenkt, der Nelson-Messe von Joseph Haydn, der c-moll Messe von W. A. Mozart oder dem Requiem von Giuseppe Verdi. Merci viilmool!

 

Mit einem leichtbeflügelten Abschiedsgruss

 

Dein Sohn Andres

 

P.S. Die zwei Bleistiftzeichnungen von mir zeigen Deinen Arbeitsplatz, Pult (aus Mahagonny vom Unkle-n-Otti), Bücherregale, Telefon etc. im Haus in Aesch, das Du auf dem Grundstück des Wochenend-hauses Deiner Eltern Berteli & Oski in den 60er Jahren hast bauen können, und eine Ansicht des Sitzplatzes im Garten ebendort.